Wertschätzung und Perspektiven in der Pflege

16.09.2021

Zwar ist der Corona-Applaus für die Pflegekräfte in Deutschland verstummt, doch der Ruf nach besseren Arbeitsbedingungen klingt nach. Mit der Pflegereform und den neuen tariflichen Bestimmungen haben Regierung und Bundestag in Berlin erste wichtige Meilensteine gesetzt. Bundestagsabgeordnete Kerstin Vieregge nahm jetzt in Lippe die Situation der Pflegenden in den Blick. Sie hatte den Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, Dr. Andreas Westerfellhaus, zur Diskussion in kleiner Runde mit Betreibern und Mitarbeitern von Pflegeheimen und -diensten am Gesundheitsstandort Bad Salzuflen eingeladen.

„150.000 Pflegekräfte, ausgebildete Experten, haben den Job gewechselt und arbeiten nicht mehr in ihrem Beruf“, nannte Westerfellhaus gleich zu Beginn eine alarmierende Zahl. Extreme Arbeitsbelastungen, wenig familienfreundliche Arbeitszeiten und ein wachsender Bürokratismus seien vielfach Gründe für den Ausstieg aus der Pflege. „Dabei lieben die meisten ihren Beruf“, weiß Westerfellhaus, der selbst in der Intensivpflege tätig war. Vieregge sieht dringenden Handlungsbedarf: „Spätestens seit Corona wissen wir, dass die Pflege und vor allem die, die sie schultern, an ihre Grenzen kommen. Wir müssen dranbleiben, die Rahmenbedingungen weiter verbessern und den Beruf attraktiver machen, wenn wir nicht mehr Pflegekräfte verlieren wollen“, ist sie sicher. Dabei hat sie auch die Nachwuchsgewinnung im Fokus.

Mehr Perspektiven im Pflegeberuf, mehr Eigenverantwortlichkeit und mehr Berufsautonomie fordert der Pflegebevollmächtigte, um dem Ziel näher zu kommen. Die Pflegekräfte seien bestens ausgebildet, ganz oft mit spezifischen Zusatzqualifikationen, wie etwa zum Wundmanager. „Warum dürfen Sie ihre Arbeit in diesen Bereichen nicht eigenverantwortlich ausüben und therapeutische Entscheidungen treffen im Rahmen eines eigenen Budgets“, fragt Westerfellhaus. „Das macht nicht nur den Job attraktiver, es fördert zugleich die Effizienz in der Zusammenarbeit mit Ärzten und Kliniken und ist ein Zeichen der Wertschätzung“, ist er sicher. Gerade für junge Menschen seien Perspektiven im Pflegeberuf wichtig. „Aus- und Weiterbildung müssen sich lohnen. Das schließt finanzielle Anreize ein, die auch die extrem hohe Verantwortung etwa in der Intensivpflege widerspiegeln.“

Dringend mahnt er auch Entlastung in Sachen Bürokratie und die intensivere Nutzung digitaler Möglichkeiten an. „Die Gesundheitskarte kann uns an diesem Punkt weiterbringen“, ist er sicher. „Wenn aber digital gesteuerte Prozesse immer noch mit einer Pflegekassenabrechnung in Papierform enden, dann läuft etwas schief!“ Grundsätzlich fordert er, dass die Pflegekräfte bei allen die Pflege betreffenden Entwicklungen und Entscheidungen einbezogen und beteiligt werden. Die Frage, wie Gesetze und Verordnungen im Land wirken, wo anzupassen und entsprechend der Bedarfe nachzujustieren sei, müsse vor Ort mit dem Fachwissen derer, die betroffen sind, rückgekoppelt werden, „Das alles setzt allerdings auch eine entsprechende Selbstorganisation des Berufsstandes voraus“, ermuntert er die Pflegenden zu größerer Solidarität bei der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen.