Vieregge bereist Einsatzgebiete – Über Split und Pristina nach Afghanistan

13.12.2019

Der Bericht von Kerstin Vieregge über ihre Reise nach Kroation, in den Kosovo und nach Afghanistan.

Als Mitglied des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages hatte ich Anfang Dezember die Gelegenheit, auf Einladung von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an einer Reise in Einsatzgebiete der Bundeswehr teilzunehmen. Stationen waren Kroatien, das Kosovo und Afghanistan.

In Kroatien selbst befindet sich zwar kein Einsatzkontingent der Bundeswehr, dennoch ist das Land ein wichtiger Partner für Deutschland, insbesondere in sicherheitspolitischen Angelegenheiten. Als Mitglied von Europäischer Union und NATO hat Kroatien eine zentrale Bedeutung für die Stabilität und Entwicklung in der Balkan-Region. In Split traf unsere Region daher unter anderen auf den kroatischen Verteidigungsminister. Dabei wurden auch die Perspektiven der kroatischen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2020, sowie die der deutschen im zweiten Halbjahr, diskutiert.

Im Anschluss daran fand ein Besuch der deutschen Soldaten des Einsatzkontingents KFOR in Pristina statt. Zwanzig Jahre nach Ende des Kosovo-Krieges sind dort nur noch rund 65 Soldaten stationiert, doch die Bundeswehr genießt wie ganz Deutschland größte Wertschätzung in dem kleinen Land. Die NATO-Mission KFOR wird von allen Seiten als elementare Grundlage für Stabilität und Sicherheit betrachtet.

Schwerpunkt der Reise war jedoch der Aufenthalt in Afghanistan. Dieser begann direkt nach der Landung in Mazar-e Scharif mit einem bewegenden Moment: Einem Besuch am Ehrenhain der Bundeswehr in Camp Marmal. Dort gedachte die Delegation der Gefallenen des nun schon achtzehn Jahre währenden Afghanistan-Einsatzes. Dies zeigt, welche großen Opfer der Dienst in der Bundeswehr mit sich bringen kann und wie lange der Einsatz in Afghanistan nun schon dauert.

Camp Marmal selbst ist das größte Feldlager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands und bildet die Basis des deutschen Kontingents des Train Advise and Assist Command (TAAC) North der NATO-Mission RESOLUTE SUPPORT. Derzeit sind etwa 1.300 Soldaten stationiert. Die Bundeswehr ist zuständig für Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte. Das langfristige Ziel dieser Mission: Die Präsenz der westlichen Truppen in Afghanistan überflüssig machen.

Deutschland engagiert sich nicht nur militärisch sehr stark im Land, sondern gibt darüber hinaus viel Geld für Bildung und Infrastruktur aus. Das zeigt Wirkung. So ist das Pro-Kopf-Einkommen seit 2001 um rund sechshundert Prozent gewachsen. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 46 auf 60 Jahre. Hinzu kommt die bessere Stellung von Frauen und Mädchen. Doch bis Afghanistan selbst für sich sorgen kann, ist es noch ein weiter Weg.

Am nächsten Tag reisten wir nach Kabul weiter. In der Hauptstadt kam unsere Delegation mit Vertretern der Afghanischen Nationalarmee (ANA), der weiteren Sicherheitsbehörden und der Regierung zusammen. Außerdem besuchten wir das Hauptquartier der NATO-Mission. Unser Transport vor Ort verlief im Hubschrauber, so dass leider nicht allzu viel von Land und Leuten zu erleben war. Die wenigen möglichen Eindrücke waren allerdings nachhaltig und intensiv.

Bei den Gesprächen in Kabul wurden die Sicherheitslage, der Zustand von Armee und Polizei, aber auch die außen- und sicherheitspolitischen Entwicklungen thematisiert. Natürlich blicken alle mit Spannung auf die weiteren Entwicklungen in den USA und die Pläne der dortigen Regierung über ihre eigene Truppen-Präsenz. Der Ausgang der Friedensgespräche zwischen den USA und den Taliban ist noch immer offen. Hinzu kommen die zunehmenden Einflussversuche Chinas. Wie schon in den letzten zweihundert Jahren unterliegt Afghanistan also noch immer dem Spiel der großen Mächte. Deutschland selbst versucht jedenfalls, das Beste für alle Beteiligten zu erreichen.

Stolz sein darf man sicherlich auf das Engagement und das Ansehen der Bundeswehr. Die Zusammenarbeit mit den afghanischen Strukturen läuft laut aller Berichte gut, obwohl es natürlich immer Optimierungs-Potential gibt. Die deutschen Soldaten sind nach meiner Beobachtung jedoch hochmotiviert. Eine große Herausforderung ist allerdings auch in Afghanistan der Krieg im Informations-Raum. Auch die Taliban haben ihre Qualitäten in Sachen Fake-News und Propaganda. Deutschland und die NATO sind also gefordert.

Bevor es auf den Rückweg nach Deutschland ging, nutzte unsere Reisegruppe noch die Gelegenheit, um mit den Soldaten vor Ort eine abendliche Adventsfeier abzuhalten. Dies geschah erneut in Mazar-e Scharif. Die vorweihnachtliche Stimmung fernab der Heimat hinterließ tiefe Eindrücke. Die Gedanken der Soldaten an die Lieben daheim waren mit Händen zu greifen.

Vor dem Abflug nach Berlin erhielten wir außerdem umfassende Einblicke in das alltägliche Leben der Bundeswehr-Angehörigen im Feldlager. Dies geschah unter anderem in Kunduz, wo die Sicherheitslage derzeit sehr angespannt ist. Wir konnten uns jedoch von dem hohen Grad der Sicherheitsvorkehrungen überzeugen. Wünschenswert wäre es natürlich, die Sicherheitslage durch die Bewaffnung der dort stationierten Aufklärungsdrohnen zu optimieren. Gezeigt wurden im Feldlager weiterhin die medizinischen Einrichtungen und die Stuben, aber auch die Verpflegung mit Lebensmitteln. Trotz der Entfernung wird den deutschen Soldaten dort ein hohes Versorgungsniveau geboten. So muss es sein.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Für die Möglichkeit zur Teilnahme an dieser Reise bin ich sehr dankbar. Die vielen Eindrücke haben meinen eigenen Erfahrungshorizont erweitert und werden somit natürlich in meine politische Arbeit einfließen. Beeindruckt hat mich der hohe Motivationsgrad unserer Soldaten. Trotz mitunter widriger Bedingungen, fernab der Heimat, geht man in Afghanistan, und natürlich auch im Kosovo, engagiert zu Werke. Daher sage ich voller Überzeugung an alle Soldaten und zivilen Bediensteten im Auslandseinsatz: Vielen Dank für Ihren Dienst!

Nachdenklich gestimmt hat mich allerdings etwas anderes: Afghanistan befindet sich seit vierzig Jahren im Krieg. 1979 marschierte die Sowjetunion in das Land ein und führte einen erbarmungslosen zehnjährigen Krieg um die Macht. Bald nach deren Abzug entbrannte ein furchtbarer Bürgerkrieg, den die Taliban für sich entschieden. Ab 2001 schließlich folgte die Präsenz der USA und ihrer Verbündeten, darunter Deutschland. Auch dabei wurde im Kampf gegen Taliban und Al Qaida viel Blut vergossen, obwohl man den Umständen entsprechend für Stabilität und Sicherheit sorgen konnte. Das Leben der Menschen verbesserte sich in vielen Bereichen, aber der Krieg blieb in gewisser Weise immer da. Somit kennen ganze Generationen von Afghanen quasi keinen Frieden. Umso wichtiger erscheint mir also das Engagement Deutschlands und der NATO. Unsere Bundeswehr leistet einen wertvollen Beitrag nicht nur für den Staat Afghanistan, sondern insbesondere für die Afghanen.