Auf ein Wort mit Kerstin Vieregge

Vom Leben auf dem Bauernhof in die große Politik.

Tüchtig, zielorientiert, bodenständig: Mit diesen Attributen ließe sich Kerstin Vieregge sehr gut beschreiben. In Ihrem Fall greift das jedoch viel zu kurz. Mit 40 Jahren ist die gebürtige Extertalerin nicht nur eine Vollblutpolitikerin, sondern eben auch eine Lipperin, die sich vollkommen mit ihrer Heimat identifiziert. „Bodenständigkeit ist für mich nichts Altmodisches, sondern das Fundament für die Zukunft“, sagt sie.

Nach Anfängen in der Landjugend, wissenschaftlicher Mitarbeit im Düsseldorfer Landtag und über zehn Jahren in der Kreispolitik könnte ihr Weg nun nach Berlin in den Bundestag führen. „Wenn ich für die Menschen vor Ort als Kandidatin für den Bundeswahlkreis kandidiere, erfüllt mich das mit sehr viel Stolz und Demut vor der Herausforderung“, beschreibt Vieregge ihre Situation. Grund genug, mehr über die Frau an der Spitze der lippischen CDU zu erfahren.

Aus Lippe, für Lippe: Wo fühlen Sie sich richtig zuhause?
Ich bin auf einem kleinen Bauernhof in Göstrup geboren und aufgewachsen. In den Jahren konnte ich mir viele schöne Ecken auf der Welt ansehen, aber ich bin überzeugt: nirgendwo ist es so schön wie hier. Da ich nach wie vor in Göstrup auf dem Bauernhof wohne, bin ich überzeugt, dass hier mein Wohlfühlort und meine Heimat ist.

Ein Leben als Mädchen auf dem Hof der Eltern ist bestimmt nicht immer einfach…
Wieso das? Das waren wunderbare Jahre die ich auf gar keinen Fall missen möchte! Der einzige, der es vielleicht nicht einfach hatte, war mein Bruder, der vier Jahre jünger ist als ich (lacht). Aber Spaß beiseite. Ich glaube besonders mein Vater hat es mit mir Freude bereitet. Immerhin habe ich mich in meinen ersten Lebensjahren eher wie ein kleiner Junge als ein Mädchen verhalten. Es machte mir einfach mehr Spaß, Papas rechte Hand zu sein als in der Küche mit meiner Mutter zu kochen oder zu backen. Später wurden dann mit dem Moped die Kühe von der Weide geholt.

Welche Kindheitserfahrungen haben Sie am meisten geprägt?
Wenn ich ehrlich bin, dann sind mir die Erntehelferrunden in ganz toller Erinnerung geblieben. Wir hatten anstrengende Tage auf den Feldern. Aber wenn das Stroh eingefahren war, es plötzlich blitzte, donnerte und es anfing zu regnen, saßen wir erschöpft aber zufrieden mit einem ‚Strammen Max‘ auf dem Teller am Tisch und tauschten uns aus. Vor allem meine Beharrlichkeit und meine Gradlinigkeit sind ein Stück aus den gemachten Lebenserfahrungen auf dem Hof.

Würden Sie Ihrem jüngeren „Ich“ empfehlen, etwas anders zu machen?
(Überlegt und grinst…) Vielleicht würde ich ein paar typische Mädchendinge mehr machen. Ich bin zum Beispiel geritten, habe voltigiert. Später war ich beim Schwimmen und beim Handball. Das hätte ich intensivieren können. Das einzige was ich heute schon etwas bedauere ist, dass ich kein Instrument spielen kann. So schrecklich viel verändern würde ich sonst aber nichts.

Das klingt alles sehr harmonisch, warum dann der Schritt in die Politik?
Das könnte der Grund sein (lacht). Mich hat es schon immer fasziniert etwas mitgestalten zu können. Etwas anzupacken, Ideen umzusetzen. Ob auf dem Hof, in der Schule oder später im Privaten mit Freunden. Heute würde man sagen, gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen. Für mich war es deshalb ein Glücksfall schon früh bei der Landjugend im Vorstand mitarbeiten zu können. Wir haben Vorträge, Seminare und Veranstaltungen organisiert. Das sind prägende Erfahrungen gewesen, wenn sie auch klein anfingen. In die Politik bin ich dann über das Hanse-Berufskolleg gekommen.

Berufskolleg?
Tatsächlich hat mich mein Berufsschullehrer überzeugt. Mir machte damals schon Volkswirtschaftslehre, also das ganzheitliche Denken in Wirtschaft und Sozialfragen, unheimlich viel Spaß. Mein damaliger Lehrer, übrigens SPD-Mitglied, meinte dann: ‚Kerstin, du musst in die Politik.‘ Ein paar Jahre später trafen wir uns wieder und stellten fest. Dass mit der Politik hatte geklappt. Aber in verschiedenen Parteien. Wir konnten beide drüber lachen und verstehen uns heute noch ganz gut.

Es folgte ein rasanter Aufstieg, bis zur stellvertretenden Landrätin.
Ja das stimmt. Aber ohne das Vertrauen meiner Parteifreunde wäre das nicht möglich gewesen. In Düsseldorf war ich zehn Jahre wissenschaftliche Assistentin im lippischen Wahlkreisbüro. Die Zeit beeinflusst einen natürlich sehr. Hier habe ich nicht nur Menschen, sondern auch sehr viel Politik mit auf den Weg bekommen. Während dessen folgte der Vorsitz in der CDU Extertal und mein Einzug in die Kreistagsfraktion 2004. Seit sechs Jahren bin ich zur stellvertretenden Landrätin ernannt worden. Eine Tätigkeit, die ich mit sehr viel Demut angehe. Im Jahre 2013 wurde ich zur Kreisvorsitzenden der lippischen CDU gewählt.

Also zuständig für alle Parteimitglieder?
Genau. Nach 23 Jahren hat mir Cajus Caesar seine Tätigkeit quasi übertragen. Die Aufgabe ist mit Sicherheit nicht immer leicht. Aber dieser Herausforderung habe ich mich gestellt und es macht mich stolz, diese Aufgabe wahrnehmen zu können. Es macht mir eben richtig Spaß.

Was motiviert Sie sich so für die Lokalpolitik zu engagieren?
Mir reicht es nicht zu sagen, was mir fehlt oder was besser laufen könnte. Entscheidend ist doch eher, was kann ich dazu beitragen oder wo kann ich helfen damit es eben auch besser wird? Wenn man wie ich in Göstrup aufgewachsen ist, dann weiß man auch genau was ‚ländlich‘ im täglichen Leben bedeutet – die Problematik der Mobilität im ländlichen Raum. Probleme, die uns auch in Zukunft weiter beschäftigen werden. Warum können wir nicht zum Beispiel Schnellbuslinien einführen, wo beim Transport zu deren Haltstellen wiederum Elektro-Dorfautos eine große Rolle spielen? Politik macht in erster Linie dann Spaß, wenn es um sachbezogene Aufgaben und nicht nur um Parteipolitik geht. Es darüber hinaus keine Denkverbote gibt. Schwierig wird es dann, wenn dieses eingeschränkt wird so wie es im Moment oft der Fall ist. Klar ist auch, dass nicht immer leicht zu treffende Entscheidungen vorliegen, so wie die Schließung des Klinikums in Bad Salzuflen im Jahre 2004. Doch im Großen und Ganzen ist es die Chance, etwas Gutes für die Bevölkerung zu tun. Genau das ist es, was mich motiviert.

Man könnte meinen, Sie sind im Job nicht ausgelastet.
Ooh, das täuscht dann wohl. Seit dem vergangenen Jahr bin ich bei meinem Arbeitgeber, einer der ältesten Versicherungen Deutschlands, für die Öffentlichkeitsarbeit und Schadenprävention zuständig. Leerlauf oder wenig Arbeit hab‘ ich da bestimmt nicht (grinst).

Wie lenkt man sich bei so einem Alltag eigentlich ab?
Mit Freundlichkeit und guter Laune. Es macht mir Freude, die so vielen schönen Dinge des Lebens zu bemerken. Richtig gut abschalten kann ich beim Spielen mit meiner Nichte und meinem Neffen. Diese Unbekümmertheit ist einfach großartig. Außerdem gehe ich gern mit meiner Mutter oder der ganzen „Großfamilie“ spazieren.

Können Sie über sich selbst lachen?
Unbedingt (lacht). Ich bin auch davon überzeugt, dass das jeder Mensch tun sollte. Wir verbringen täglich so viel Zeit mit ernsten Dingen, die wir weder unkommentiert noch unerledigt lassen können. Doch wir dürfen auch nicht vergessen, dem Spaß und der Freude Platz einzuräumen.

Was können Sie nur mit Humor ertragen?
Wenn Menschen zu hartnäckig etwas behaupten oder umgesetzt haben wollen, was ganz und gar nicht geht.

Wer darf Ihnen sagen, dass Sie falsch liegen?
Prinzipiell natürlich jeder, der mit mir inhaltlich diskutiert. Aber was bedeutet es schon, falsch zu liegen? Erst einmal sind dann zwei Menschen lediglich verschiedener Meinung. Mir ist es wichtig, einen Konsens zu finden, darüber zu diskutieren und zu schauen, in welche Richtung es dann geht. Ob ich dann falsch lag oder nicht, sehen wir dann. Ich nehme Kritik aber gern an. Ich empfinde das als Bereicherung. Ich habe auch kein Problem damit Fehler einzugestehen.

Richten Sie sich nach einem bestimmten Motto in Ihrem Leben?
Nein. In erster Linie glaube ich daran, dass nichts zufällig geschieht. Aus meiner Sicht resultiert alles aus Zielstrebigkeit und dem Willen, diese zu verfolgen. Das gilt im Privaten sowie in der Politik. Was ich aber sehr passend fand, waren die Worten von Schiedsrichter Dr. Markus Merk: ‚Alles richtig machen ist unmöglich. Gerecht zu sein noch mehr! Aber der Wille dazu, der muss in jeder Situation, bei deinem Tun und Handeln erkennbar sein.‘

 

*Das Interview wurde vom Reporter Lippe geführt.